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Der Umfang des Buchs "Von der Angst zum Seelenfrieden" beträgt 144 Seiten.

 

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Ausschnitt aus dem Kapitel 9 mit dem Titel „Kinder in turbulenter Zeit“


Elisabeth Lukas:

   Nun ist Kindererziehung ein komplexer Prozess, und auch anwesende Mütter sind keine reinen Engel. Das müssen sie aber auch nicht sein; Kinder haben im Allgemeinen ein robustes Seel­chen. Solange sie sich geliebt spüren, ist ihre Welt weithin in Ordnung. Was ihnen Angst einjagt, sind heftige Streitigkeiten und extreme Ängste ihrer Eltern. Streitigkeiten deshalb, weil die Kinder ohn­mächtig zusehen müssen, wie ihr Funda­ment, das sie für „sicher“ gehalten ha­ben, bröckelt. War bislang „sicher“, dass Va­ter und Mutter ihnen in jedweder Not bei­stehen würden, immer helfend, immer trös­tend, immer Lö­sungen wissend - so offenbart sich plötzlich in deren Streit, dass diese Wesen sich selbst weder helfen noch trösten können, ge­schweige denn für einander Lösungen parat haben. Ein Schock! Es ist, als flöge man im Flugzeug und entdecke, dass die Piloten be­wusstlos sind.

   Extreme Ängste der Eltern wiederum wer­den von den Kindern instinktiv über­nom­men. Das Gesetz des Instinktes lehrt auch Jungtiere zu flüchten, sobald das Muttertier flüchtet. Die Küken ducken sich unter ein Gebüsch, wenn sich Mutter Henne vor dem Habicht versteckt. Aus der Angst der Mutter lesen die Jungchen ab, dass Gefahr im Anzug ist, und verhalten sich entsprechend. Das­selbe Überlebenspattern steckt uns Men­schen im Blut. Die Kleinen stoppen vor der rote  Ampel, weil die Mutter stoppt. 

   Fatal ist nur, wenn die Mutter hochgradig nervös ist und bereits auf harmlose Reize pa­nisch reagiert. Wenn sie keine Rolltreppe be­tritt, weil sie stürzen könnte, keinen Lift be­nützt, weil er stecken bleiben könnte, keinen Turm besteigt, weil sie Höhenangst hat, in keinem See badet, weil sie ertrinken könnte, u. s. f. Ihre Kinder entwickeln zwangsläufig die Vorstellung, dass überall Tod und Ver­derben lauern, und schrecken vor allen Aktionen zurück, die ein kleines Wagnis ins Unbekannte verlangen würden. Das bremst ihre Entfaltung, und es braucht spä­ter, wenn sie älter sind, viel Nachreifung und Selbst­überwindung, um aus dem Ge­strüpp instink­tiv übernommener, unnötiger Ängste frei zu kommen.        

   Eine meiner Patientinnen war eine solche überängstliche und überbehütende Mutter. Als ich ihr die Folgen für ihre Tochter be­schrieb, erschrak sie und beschloss, ihre Ängste zu besiegen, um dem Mädchen die Chance zu einem Leben in Frohsinn zu ge­währen. An jedem Morgen nach dem Auf­stehen sagte sie sich vor: „Heute eine kleine Mutprobe für meinen Liebling. Ein Sternchen in meinen Kalender!“ Dann war­tete sie auf das erste Anklopfen ihrer Angst. Nahm zum Beispiel das Mädchen den Kakao­topf in die Hand, um sich beim Frühstück nachzu­gie­ßen, begann das Herz der Mutter zu klop­fen. „Sie wird sich die Finger ver­brühen“ säuselte ihre Angst. Doch die Mutter zwang sich, sit­zen zu bleiben. „Es wird schon gut gehen, nur Mut, nur Mut!“ entgegnete sie in­nerlich ihrer Angst - und es ging gut. Wollte das Mädchen am Nachmittag Rad fahren, fiel wiederum die Panik über die Mutter her, aber sie zwang sich, dem Wunsch des Kindes zuzustimmen. „Es wird schon gut gehen, nur Mut, nur Mut!“ Die Kleine jauchzte und sauste davon. Nach ihrer heilen Rückkehr nahm die noch etwas bleiche und zitternde Mutter ihren Notizkalender zur Hand und trug für diesen Tag zwei Sternchen ein: sie hatte sogar zweimal ihre Angst besiegt! So füllte sich ihr Kalender mit Siegessymbolen, und das Leben ihres Kindes mit bestandenen Abenteuern, die es an Selbstsicherheit und Geschicklichkeit gewinnen ließen. Obwohl nicht ausblieb, dass gelegentlich ein Malheur passierte, wovon kein Entwicklungsprozess verschont bleibt, hielt das Motto: „Nur Mut, nur Mut!“ selbst diesen Situationen stand. Einmal schnitt sich die Kleine beim Obstschälen in den Daumen. Einmal verirrte sie sich nach einer Kinderparty in der Dunkel­heit und wurde von Passanten aufgegriffen. Aus all dem lernte sie etwas für ihre Zukunft, und die Mutter lernte, dass auch Malheurs nicht gleich den Weltuntergang bedeuten. Mutter und Kind sind „sternenbegleitet“ ins Urvertrauen hineingewachsen.              

   Das Beste, das Eltern ihren Kindern mit­geben können, ist die Botschaft: „Du bist eine wertvolle Person! Und zwar bedingungslos. Ob du aus der Schule gute oder schlechte Noten heimbringst, ob du Erfolg hast oder versagst, ob du gesund bist oder krank, hübsch bist oder weniger hübsch …“. Diese Botschaft vermittelt man nicht hauptsächlich durch Worte, sondern durch das elterliche Verhalten. Dadurch, dass man sich Zeit nimmt für die Kinder. Dass man mit ihnen geduldig und liebevoll spricht. Dass man für sie da ist, wenn sie einen brauchen, und sie nicht gän­gelt, wenn sie einen nicht brauchen. Es ist stets das Selbst-nach-einer-Überzeu­gung-Le­ben, das überzeugt! Kinder, die eine solch „überzeugende“ Botschaft erhalten, werden von sich aus den Kontakt mit ihren Eltern dem Kontakt mit dem Bild­schirm vorziehen und folglich weniger ver­führbar und anfällig sein für die Abstru­si­täten vir­tueller Welten. 

   Können Eltern ihnen noch dazu die An­schluss­botschaft vermitteln: „Du bist eine wertvolle Person ... Und jedes Du ist eine wertvoll Person!“, dann werden ihre Kinder Respekt vor ihren Mitmenschen haben und selbst dann, wenn sie sich sehr ärgern, davor zu­rückschrecken, jemanden böse zu attackie­ren. Dafür müssen die Eltern jedoch ihre ei­genen Konflikte auf friedliche Weise bei­legen und auf gegenseitige Kränkungen und Ab­wer­tungen grundsätzlich verzichten, an­sons­ten enthüllt sich schon den Kleinsten diese An­schlussbotschaft als ein Lügengespinst.

   Kinder haben ein feines Sensorium. Sie er­fühlen weitaus mehr, als sie kognitiv be­greifen. Sie wissen genau, wann sie gestress­ten und zappeligen Eltern „im Wege sind“ und zu de­ren Entlastung vor dem Fernseher depo­niert werden. Sie wissen, wann überlas­tete Eltern ungefiltert ihren Frust an ihnen auslassen. Sie wissen, wann sie mit Geschen­ken statt mit Liebe abgefüttert werden. Man täusche sich nicht! In die Kinderseele schreibt sich allerlei hinein, was eigentlich ins Tage­buch ihrer Mütter und Väter gehört. Und man radiert es nicht mehr heraus. Deswegen ist die Erzie­hung unseres Nachwuchses eine schillernde Aufgabe, voller beglückender Momen­te und voller Verantwortung.

 

 

 

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